Hier präsentieren wir eine Auswahl aus den über 4000 Pflanzen des Buches «Plantae».
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Ginkgo biloba
Elefantenohrbaum | Entenfussbaum | Fächerblattbaum | Fächertanne | Ginkgobaum | Goethe-Baum | Grossvater-Enkel-Baum | Mädchenhaarbaum (engl.) | Tempelbaum (Asien) | Vierzig-Taler-Baum (franz.) | Weltenbaum

Über diesen «Wanderer zwischen den Zeiten» hat kein geringerer als der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) ein Gedicht verfasst. Aber auch ohne solch prominente Anerkennung hat dieser bemerkenswerte Baum unglaublich viel zu bieten.
Vor über 200 Mio. Jahren war diese monotypische Gattung in Amerika, Asien, Australien und in Europa heimisch. Durch die Eiszeiten wurde sie in die Bergwälder Chinas zurückgedrängt. Bereits seit dem 8. Jahrhundert wird Ginkgo biloba als Tempelbaum in Japan und China angepflanzt und verehrt. Um 1730 wurde diese Baumart (wieder) in Europa eingeführt und um 1754 in den Kew Gardens gepflanzt. Sie darf mit gutem Recht als lebendes Fossil bezeichnet werden. Am Naturstandort gilt Ginkgo biloba als gefährdet.
Sommergrüne Gehölzgattung, die eine Vielzahl von verschiedenen Wuchstypen und -formen aufweist; aus dieser natürlichen Vielgestaltigkeit wurden auch die meisten Sorten selektiert. In der Regel wächst Ginkgo biloba zu einem stattlichen, lockerkronigen und starren Baum von 15 bis 25 m (35 m) Höhe heran; es sind aber auch 40 m hohe Exemplare bekannt. Die Aststellung ist steif und gerade. Der Durchmesser bzw. die Breite der Bäume hängt vom Wuchstyp ab.
Die Pflanze ist zweihäusig. Die weiblichen Bäume tragen nach der Befruchtung mirabellenartige, orangefarbene und fleischige Früchte, die einen Steinkern besitzen. Im reifen bzw. abgefallenen Zustand oder beim Zertreten riechen die Früchte – korrekterweise als Samenanlagen zu bezeichnen, da sie eine Zwischenform von Sporen und Samen darstellen – unangenehm oder anders ausgedrückt: Sie stinken erbärmlich. Im Hausgarten und als Strassenbäume werden daher männliche Pflanzen bevorzugt.
Die Zuordnung zu den Koniferen ist in der gängigen Praxis von Baumschulkatalogen üblich, aber eigentlich falsch. Ginkgo biloba zählt zu den Nacktsamern (Gymnospermae), die Entwicklung des Embryos beginnt an den abgefallenen Früchten. Etwas vereinfacht gesagt, legt der Ginkgobaum «Eier». In der Zoologie würde man die Fächertanne als oviparen Baum bezeichnen, denn das Fruchtfleisch übernimmt die Dotterfunktion. Für das Wachstum der Samenanlagen ist eine Bestäubung notwendig. Wenn kein männlicher Baum in der Nähe ist, verkümmern die Samenanlagen und fallen bald ab. Aber auch an alten männlichen Pflanzen können kurioserweise einzelne fruchtende Zweige auftreten!
Die Blüte ist sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Pflanzen recht unauffällig. In unserer Klimazone findet sie in der Regel im April statt und wird kaum bemerkt. Die weiblichen Pflanzen fangen zwar die männlichen Pollen ein, lagern sie in der Samenanlage aber vorerst nur ein. Im Lauf des Sommers bedecken sich die weiblichen Pflanzen mit einer Art Früchte. Dabei handelt es sich um die entwickelten Samenanlagen, die, wie erwähnt, keineswegs befruchtet sein müssen.
Fallen im Spätherbst die Samenanlagen von den weiblichen Ginkgobäumen ab, so kann es sein, dass erst jetzt die Befruchtung stattfindet. Die schraubig stehenden oder an den Kurztrieben oft rosettenartig gehäuften, fächerförmigen Blätter sind langgestielt, tief eingeschnitten, derb ledrig und frischgrün; sie können in ihrer Gestalt variieren.
Besonders spektakulär ist die rein goldgelbe Herbstfärbung mit einer hohen Leuchtkraft, die jedoch recht kurz, dafür umso beeindruckender ist. Die graue, längsrissige Borke ist an alten Stämmen oft stark gefurcht. Ginkgo biloba bildet ein kräftiges Herzwurzelsystem mit tief gehenden Hauptwurzeln aus. Wie es bei einem Lebewesen, das seit mehr als 200 Mio. Jahren unseren Planet besiedelt, anzunehmen ist, werden nur bescheidene Boden- und Standortansprüche gestellt. Ihrer Robustheit und Anpassungsfähigkeit verdankt die einzigartige Pflanzengattung sicherlich das Überleben.
Ein sonniger bis absonniger Standort auf einem frischen bis feuchten, aber dennoch gut drainierten und nahrhaften Boden wird jedoch bevorzugt. Der optimale pH-Wert liegt zwischen 5 und 7, also im schwach sauren bis neutralen Bereich. Im Alter entwickeln die Gehölze an der Unterseite von starken Ästen und auch am Stamm zitzenartige Auswüchse, die meterlang werden können. Man bezeichnet diese luftwurzelähnlichen Gebilde in der Heimat als «Tschitschi». Ginkgos können nachweislich über 1000 Jahre alt werden.
Über diesen «Wanderer zwischen den Zeiten» hat kein geringerer als der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) ein Gedicht verfasst. Aber auch ohne solch prominente Anerkennung hat dieser bemerkenswerte Baum unglaublich viel zu bieten. So ist seine legendäre Robustheit am 6. August 1945 auf tragische Weise in Hiroshima bewiesen worden: Beim ersten amerikanischen Atombombenabwurf waren zigtausend Tote und über 300 000 Verletzte zu beklagen, und die gesamte Flora und Fauna wurde zerstört. Ein Ginkgo biloba, der wie eine Fackel gebrannt hatte, trieb aber im kommenden Frühjahr aus der versengten Erde wieder einen Spross aus. Dieser schier unglaubliche Lebenswille hat sich tief in das japanische Bewusstsein und in das aller Pflanzenfreunde eingegraben. Aus dem Spross entwickelte sich wieder ein Baum, und dieser steht heute noch.
Ginkgo biloba zeigt in seiner langen Geschichte eine enorme Anpassungsfähigkeit. So ist er heute an den schwierigsten Standorten, wie bspw. in den Grossstädten Tokio und New York, als bedeutender Strassenbaum zu finden. Neben seiner Unempfindlichkeit gegen Luftverschmutzung ist er auch extrem widerstandsfähig gegenüber Schädlingen und Krankheiten. Das hitze-, wind- und stadtklimafeste Gehölz macht sowohl in Alleen, in Gruppen oder auch als Solitär eine gute Figur.
In der traditionellen wie auch in der modernen Medizin werden Ginkgoblätter verwendet. So sollen Dragees daraus das Gedächtnis unterstützen und gegen Altersdemenz wirken. Ginkgosamen wie auch das Fruchtfleisch helfen bei Asthma und Husten. In Japan finden die Früchte als bewährtes Tuberkulosemittel Verwendung, und die rohen Samen sollen sogar Krebs bekämpfen können. Auch in der asiatischen Küche sind die Früchte, verarbeitet als eine Art Pestosauce zu Reis, beliebt; gegrillte Ginkgosamen, Pa-Kewo genannt, gelten als hochgeschätzte Delikatesse. In Asien gibt es einen richtigen Ginkgokult, der allmählich auch nach Europa hinüberschwappt. Interessant ist, dass gerade der Früchte wegen in Amerika und Europa die männlichen und in Asien die weiblichen Pflanzen bevorzugt werden.
Eine von 4000 Pflanzen aus dem Nachschlagewerk PLANTAE.
Ein Handbuch der Gartenpflanzen, wie es noch keines gegeben hat – für Gärtnerinnen, Landschaftsarchitekten, Profis und Enthusiasten und für Bibliophile. Verfasst von Urs Lüscher.
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